Der gestiefelte Kater – das haben sie nicht vergessen

Der gestiefelte Kater – das haben sie nicht vergessen

Der Kater wird am Ende erster Minister. Nicht der Müllerssohn. Das steht im letzten Satz – und niemand fragt, warum das so ist.

Terry Pratchett hat einen Satz geschrieben, der alles andere eigentlich überflüssig macht: „In alten Zeiten wurden Katzen als Götter verehrt. Das haben sie nicht vergessen." Der gestiefelte Kater ist ein Beweis dafür.
Auch hier haben wir in der Tiefe richtig starkes Material gefunden. Katze oder Kater?
Wir gehen zurück zu der Geschichte von Straparola nach Venedig um 1550, um festzustellen, dass Basileś Version ein komplett anderes Ende hat, und – Perrault hat das 1697 dann sogar weggelassen, dafür hat er die Katze männlich gemacht und die Stiefel erfunden.
Und die Gebrüder Grimm 1812? Sie haben Perrault übernommen und das Märchen dann sogar teilweise gestrichen. Der Kater wird Minister. Und so wurde aus einer Geschichte über Undankbarkeit eine Erfolgsstory.
Und doch – auch diese Version hat eine richtig interessante Botschaft. Lass uns loslegen:

Was die Grimms verborgen haben

Die Brüder Grimm haben das Märchen nach der ersten Auflage von 1812 gestrichen. Der Grund: Es war zu offenkundig nicht-deutsch. Es stammte aus Frankreich, davor aus Italien, davor aus noch weiter weg. Sie wollten aber deutsche Märchen. Und dieses war zu ehrlich über seine Herkunft.
Was sie nicht gestrichen haben: die Grundstruktur. Dass eine Katze lügt, täuscht und tötet – und am Ende regiert. Das war ihnen anscheinend nicht unbehaglich.

Was der Kater verlangt

Ein Müller stirbt. Drei Söhne erben: Der älteste die Mühle, der mittlere den Esel, der jüngste den Kater. Der Jüngste ist enttäuscht. Was soll er mit einem Kater? Aber vielleicht taugt er noch als Pelz für Handschuhe?
Und da spricht der Kater. Er sagt: Gib mir Stiefel. Dann kümmere ich mich um den Rest. Nicht: Gib mir Freiheit. Nicht: Lass mich gehen. Stiefel möchte er. Damit er sich – so steht es wörtlich – unter den Leuten sehen lassen kann.
Das ist keine Bitte um Ausrüstung. Das ist eine Forderung nach Würde. Nach Sichtbarkeit. Nach dem Recht, als jemand aufzutreten, der zählt.
Er bekommt die Stiefel. Und dann beginnt das Spiel.

Was der Kater tut

Er lügt. Planmäßig, präzise, unaufhörlich.
Er bringt dem König Rebhühner – als Geschenk seines Herrn, des Grafen. Den Grafen gibt es nicht. Der Müllerssohn ist kein Graf. Aber der König glaubt es, weil der Kater es mit Überzeugung sagt.
Er arrangiert ein Bad im See – den Müllerssohn schickt er ins Wasser, die Kleider versteckt er, und als der König vorbeifährt, schreit er: Räuber! Diebe! Dem Herrn Grafen hat man alles genommen! Der König gibt eigene Kleider, lässt den hübschen Burschen in die Kutsche, fährt mit ihm weiter.
Der Kater läuft voraus – durch Felder, durch Wälder – und schärft jedem Bauern ein: Wenn der König fragt, wem das hier gehört, antwortet: dem Herrn Grafen. Wer nicht gehorcht, wird gevierteilt.
Die Bauern gehorchen. Und dann steht er vor dem Schloss des mächtigsten Zauberers im Land.

Der Tod des Zauberers

Das ist die Stelle, die alle als Witz lesen. Der Kater überlistet den Zauberer: Können Sie sich wirklich in alles verwandeln? In einen Löwen, in einen Elefanten? Der Zauberer zeigt es. Imponierend. Und dann: Aber in etwas ganz Kleines – eine Maus vielleicht? Das wäre doch wirklich schwierig.
Der Zauberer verwandelt sich in eine Maus. Der Kater frisst sie.
Das ist kein Trick. Das ist ein Mord. Der Kater tötet den Eigentümer des Schlosses, um es seinem Herrn zu übergeben. Kaltblütig, methodisch, mit einem letzten kleinen Gespräch davor.
Das steht so im Märchen, aber das wird nicht thematisiert.

Bevor es Stiefel gab

Perrault hat das Märchen berühmt gemacht, die Grimms haben vieles gestrichen. Aber wer hat es erfunden?
Jetzt kommen wir nach Venedig, um 1550. Giovanni Francesco Straparola schreibt seine Ergötzlichen Nächte – das erste europäische Märchenbuch, das Volksmärchen wirklich sammelt. Mit dabei: Costantino Fortunato.
Eine alte arme Frau in Böhmen stirbt und hinterlässt drei Söhnen das Wenige, was sie hat: einen Backtrog, einen Brotkorb – und eine Katze. Der jüngste Sohn, Constantino, erbt die Katze.
Keine Stiefel, dafür eine weibliche Katze. Aber – dieselbe Struktur – eine List, ein König, eine Prinzessin, ein Schloss. Die Katze tut alles ohne Stiefel. Weil sie keine braucht.
Achtzig Jahre später, Neapel 1634. Giambattista Basile schreibt das Pentameron – und seine Version heißt Cagliuso. Dieselbe Geschichte, aber mit einem anderen Ende.
Cagliuso dankt seiner Katze überschwänglich und verspricht ihr alles, was sie sich wünscht. Sie soll einbalsamiert werden nach ihrem Tod, so sehr liebt er sie. Da stellt sich die Katze tot. Sie legt sich reglos auf den Boden, und Cagliuso auf die Probe. Und sie hört, was er wirklich sagt: Er will sie aus dem Fenster werfen.
Die Katze steht auf, sieht ihn an, und geht. Mit einem einzigen Satz: Sie habe ihre Zeit an einen Undankbaren verschwendet.
Das ist Basiles Ende. Die Moral des ursprünglichen Märchens: Undankbarkeit zerstört alles.
Dann kommt Perrault und streicht das Ende. Er erfindet die Stiefel, macht den Kater zum männlichen Meister, der großherrlich lebt. Aus einer Fabel über die Natur des Undanks wird eine Erfolgsgeschichte.
Und die Grimms übernehmen Perraults Version. Der Kater wird erster Minister. Das ehrlichste Ende verschwindet.
Was bleibt: ein Märchen, das nicht mehr weiß, was es ursprünglich sagen wollte.

Der letzte Satz der neuen Version

Der Müllerssohn heiratet die Prinzessin, und wird Graf. Und als der König stirbt, wird er König.
„Der gestiefelte Kater aber wurde erster Minister."
Das ist der letzte Satz. Nicht der glückliche Müllerssohn. Nicht die Prinzessin. Der Kater. Er wollte keine Freiheit – er wollte Macht. Er hat sie bekommen.
Die ganze Geschichte war kein Dienst an seinem Herrn. Sie war ein Plan für sich selbst. Der Müllerssohn war das Mittel. Die Stiefel waren der erste Schritt.
Das lässt sich nicht wegerzählen. Es steht dort.

Wer der Kater wirklich ist

Er ist der Trickster. Die älteste Figur der Menschheitsgeschichte – in allen Kulturen, in allen Zeiten. Hermes, der Götterbote, der auch Gott der Diebe ist. Loki, der Brandstifter und Retter. Anansi, die Spinne, die Geschichten stiehlt. Coyote, der die Welt in Unordnung bringt und dabei erschafft.
Der Trickster überschreitet Grenzen. Er lügt, aber er lügt mit Methode. Er zerstört, aber aus der Zerstörung entsteht etwas Neues. Er ist Kultur-Heros – jemand, der durch seine Handlungen, ob er will oder nicht, die Welt verändert.
Er tritt in Tiergestalt auf: Hase, Spinne, Kojote, Wolf, Krähe. Und Kater.
Der gestiefelte Kater ist Hermes in Stiefeln. Loki mit einer Pelzmütze. Er braucht keine göttliche Abstammung – er braucht List, Beweglichkeit und die Bereitschaft, die Regeln zu spielen, ohne an sie zu glauben.

Was die Katze weiß, was die Menschen vergessen haben

Bastet. Ägyptische Göttin der Freude, Musik, Tanz, Fruchtbarkeit, Schutz. Tochter des Sonnengottes. Ursprünglich eine Löwin – dann eine Katze. Das Sanfte hat die Zerstörungskraft nicht ersetzt, es hat sie nur verborgen.
Die Perser malten Bastet auf ihre Schilder, als sie gegen Ägypten kämpften. Die Ägypter konnten nicht kämpfen – nicht gegen ihre eigene Göttin. Sie verloren die Schlacht.
Freyja fährt auf Wildkatzen. Nicht auf Pferden, nicht auf Adlern. Auf Katzen. Die Göttin der Liebe ist gleichzeitig Anführerin der Walküren, die die Gefallenen auswählen.
Und die schottische Legende: Cait Sith, die Geisterkatzen, sind Hexen, die sich verwandeln. Die neunte Verwandlung in eine Katze ist dauerhaft. Daher – so die Überlieferung – haben Katzen neun Leben.
Neun Leben. Neun Gestalten. Neun Identitäten.
Der Kater trägt Stiefel, weil er unter den Menschen auftreten will. Aber er ist nie ganz Mensch geworden. Er ist etwas, das beide Welten kennt und in keiner vollständig steckt.

Die Lüge, die wahr wird

Was am Ende des Märchens steht, ist ein Paradox.
Alles, was der Kater erzählt hat, war gelogen. Den Grafen gab es nicht. Die Ländereien gehörten ihm nicht. Das Schloss gehörte ihm nicht. Die ganze Existenz des Müllerssohns als Graf war eine Konstruktion – aufgebaut aus Worten, Behauptungen, Einschüchterungen.
Und dann ist es dennoch wahr.
Der Müllerssohn ist König. Das Schloss ist seines. Die Ländereien sind seine. Weil genug Menschen mitgespielt haben – weil der König mitgespielt hat, die Bauern mitgespielt haben, die Prinzessin mitgespielt hat. Weil die Wiederholung einer Lüge sie irgendwann zur Realität macht.
Das kennen wir – wir finden es überall in unserer Welt … Das ist kein Märchen über List als Tugend. Das ist eine Reflexion über Macht. Über das, wie soziale Realität entsteht. Über das, was ein Titel ist, was ein Schloss ist, was ein König ist – wenn man die Konstruktion darunter freilegt.
Der Kater wusste das. Deshalb hat er Stiefel verlangt, nicht Freiheit. Mit Freiheit wäre er ein Tier geblieben. Mit Stiefeln konnte er unter den Menschen lügen – in ihrer Sprache, und mit ihren Regeln. Und mit diesen Regeln hat er gewonnen.
Erster Minister – das haben sie nicht vergessen.

Ausgrabungsorte

Amy Silberstein

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