Schneewittchen und die 40 Drachen

Schneewittchen und die 40 Drachen

Im Original war die Böse die Mutter. Nicht die Stiefmutter. Die Grimms haben das 1819 geändert. Was sie damit weggemacht haben, ist das Unheimlichste an der ganzen Geschichte.

Schneewittchen wartet nicht länger, sie möchte endlich an der Reihe sein. Und sie weiß genau, dass es bei ihr so richtig interessant wird. Denn die älteren Versionen haben einiges an die Oberfläche befördert. Und eine spannende Frage aufgeworfen:

Was sagt es über eine Kultur aus, wen sie als Hüter des Verborgenen kennt? Denn in den älteren Versionen waren es nicht immer die Zwerge. Oft waren es Räuber, aber auch Drachen und Riesen haben auf Schneewittchen aufgepasst.
Zwerge hüten Erz und Gold. Räuber hüten sich selbst. Und Drachen – in der albanischen Version – die hüten altes Wissen über alles, sind Schwellenwächter schlechthin. Schneewittchen landet also beim Übergang selbst …
Da ist einiges vergraben – besonders die Zwerge sind alles andere als Kinderbuchfiguren. Und der Mutter-Tausch von 1819. Und …

Okay, letś go:

Bevor das Märchen beginnt, gibt es drei Farben

Weiß wie Schnee. Rot wie Blut. Schwarz wie Ebenholz.
Eine Königin sitzt am Fenster mit schwarzem Rahmen, näht, und sticht sich in den Finger. Drei Tropfen Blut fallen in den Schnee. Sie schaut hin – und wünscht sich ein Kind in genau diesen Farben. Das Kind kommt. Die Mutter stirbt.
Mit diesen Worten beginnt es. Nicht mit Böse gegen Gut, sondern mit Geburt und Tod in einem Satz.

Was in der ersten Auflage der Kinder- und Hausmärchen steht

Das Märchen heißt Sneewittchen. Die Frau, die das Kind töten lassen will, ist die leibliche Mutter. Nicht die Stiefmutter. Die Mutter.
1819 ändert Wilhelm Grimm das. Er will das bürgerliche Ideal der heiligen Mutter schützen. Also tritt eine neue Gemahlin des Königs an ihre Stelle. Die Böse wird zur Fremden. Eine böse Stiefmutter erklärt sich quasi von selbst – das ist kein Rätsel, das ist eine Rolle.
Die leibliche Mutter dagegen ist ein Rätsel. Die Frau, die das Kind gewünscht hat, in diesen drei Farben, wünscht es sich jetzt weg. Die Frau, die das Kind in sich getragen hat, schickt es in den Wald, um dort getötet zu werden.

Das ist der Ur-Konflikt, den das Märchen kennt und den die Grimms vergraben haben: Die nährende und die verschlingende Mutter sind dieselbe. Nicht zwei verschiedene Frauen. Eine.

Die drei Farben

Weiß, Rot, Schwarz. Das ist kein ästhetisches Programm.
In der Alchemie sind diese drei Farben die Stadien des Wandlungsprozesses.

  • Nigredo – das Schwarz. Zerfall, Auflösung, Tod des Alten.
  • Rubedo – das Rot. Transformation, Feuer, das Lebendige, das sich durchsetzt.
  • Albedo – das Weiß. Vollendung, Reinheit, das, was bleibt.

Das Märchen beginnt mit allen drei auf einmal. Blut auf Schnee vor Ebenholz. Die Transformation ist nicht das Ende. Sie ist der Ausgangspunkt.
Schneewittchen trägt diese drei Farben im Körper: Haut so weiß wie Schnee, Lippen so rot wie Blut, Haare so schwarz wie Ebenholz. Sie ist nicht schön wie ein Bild. Sie ist schön wie ein Prozess.

Der Spiegel

Er lügt nicht. Das ist sein Vergehen.
Die Königin fragt ihn jeden Tag. Er antwortet jeden Tag. Solange sie die Schönste ist, bestätigt er es. Dann kommt der Tag, an dem Schneewittchen sieben Jahre alt ist – und er sagt es nicht mehr. Das macht ihn zum Feind.
Nicht weil er lügt. Weil er aufgehört hat, das zu sagen, was sie hören will. Ein Spiegel, der nur zeigt, was ist, ist für jemanden, der nur sehen will, was seiner Meinung nach sein sollte, das gefährlichste Ding der Welt.

Spieglein, Spieglein an der Wand – das ist keine harmlose Frage. Das ist die tägliche Frage: Bin ich noch die, die ich sein will? Bestätige mir, dass ich das bin.

Der Spiegel verweigert die Bestätigung. Und damit beginnt alles.

Die sieben Zwerge

Sie kommen jeden Abend aus den Bergen. Sie graben nach Erz und Gold. Sie halten ihre Lichtlein in das Gesicht des schlafenden Mädchens und rufen: Ei, du mein Gott, was ist das Kind so schön.

Sie sind keine Haushaltshilfen. Sie sind Hüter.
In der germanischen Mythologie lebten Zwerge unter Felsen und in Bergstollen – kundig, fleißig, Schmiede des Verborgenen, Hüter unterirdischer Schätze. Schon in der Edda: der Zwerg als Wächter von dem, was unter der Oberfläche liegt.

Und sieben. Warum sieben?

In der Antike: sieben Himmelskörper, sieben Wochentage – Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus, Saturn.
Die Erde, umgeben von den sieben. Schneewittchen als Erde, die von den Planetengeistern beschützt wird.
Das ist kein Kindermärchen. Das ist Kosmologie in Zipfelmützen.

Die drei Mordversuche

Schnürriemen, Kamm und Apfel.
Jedes Mal öffnet Schneewittchen die Tür, obwohl die Zwerge es verboten haben. Jedes Mal lässt sie sich von dem betören, was schön aussieht. Jedes Mal fällt sie.

Die erste Attacke trifft den Körper – der Schnürriemen schnürt die Luft ab.

Die zweite den Kopf – der Kamm vergiftet durch die Haare, den Sitz der Kraft und der Gedanken.

Die dritte die Seele – der Apfel, rot und weiß geteilt, verführt durch äußeren Schein.

Erst wenn alle drei Schichten attackiert wurden, ist die Transformation vollständig. Schneewittchen muss dreimal sterben, um dreimal aufzuwachen. Nicht weil das Märchen grausam ist. Weil die Wandlung nicht mit einem Schlag passiert.

Und jedes Mal: die Tür. Sie öffnet die Tür, obwohl sie es nicht soll. Das ist kein Fehler im Charakter – das ist pure Menschlichkeit. Das Mitleid mit der Alten. Die Freude am Schönen. Das Vertrauen auf den ersten Blick.
Das ist auch das, was sie von der Mutter unterscheidet. Die Mutter schaut in den Spiegel. Schneewittchen öffnet die Tür.

Kein Kuss

Im Original erwacht Schneewittchen nicht durch einen Kuss.
Ein Diener des Prinzen gibt ihr aus Ärger einen Schlag in den Rücken – er ist erschöpft davon, den schweren Sarg überallhin zu tragen. Das Apfelstück, das in Schneewittchens Kehle steckt, fährt dabei heraus.

Entzauberung durch Banalität.

Kein romantischer Moment. Kein Prinz, der entscheidet, das Richtige zu tun, sondern – ein genervter Diener. Ein Stoß. Und zack – das Leben kehrt zurück.
Disney hat daraus – wieder einmal – einen Kuss gemacht. Verständlich für seine Zwecke, denn ein Kuss ist schöner.
Aber der Schlag des genervten Dieners ist ehrlicher.
Er sagt: Manchmal löst sich das, was uns verstopft, durch das Unerwartete. Durch den Fehltritt eines anderen. Durch den Moment, den niemand geplant hat.

Die Strafe

Die Königin wird zur Hochzeit eingeladen. Sie kommt, weil sie kommen muss – weil der Spiegel ihr gesagt hat, wer heiratet. Sie erkennt Schneewittchen. Sie steht da und kann sich nicht rühren.
Dann werden rotglühende eiserne Schuhe hereingetragen. Sie muss darin tanzen, bis sie tot zur Erde fällt.

Das ist das alte Märchenrecht. Keine Gnade. Keine Reue, die zählt. Keine zweite Chance. Wer dreimal versucht hat, ein Kind zu töten – das erste Mal mit Körper, das zweite mit Geist, das dritte mit Seele – der tanzt jetzt in glühenden Eisen.

Das ist keine Rachsucht. Das ist Symmetrie. Die Königin hat Schneewittchen dreimal in den Tod geschickt. Jetzt trägt sie den Tod in den Schuhen.

Was die Mutter wollte

Aber erst mal zurück zum Anfang. Zur leiblichen Mutter.
Sie sitzt am schwarzen Fenster und näht. Sie sticht sich in den Finger. Sie sieht Blut auf Schnee und denkt an ein Kind. An genau dieses Kind – weiß, rot, schwarz.
Sie wünscht es sich. Es kommt und sie stirbt.
Und dann – in der Version von 1812 – ist sie zurück. Verwandelt. Nicht mehr nährend, sondern verschlingend. Nicht mehr wünschend, sondern vernichtend. Sie schickt das Kind, das sie sich gewünscht hat, in den Tod.

Warum?

Das Märchen gibt keine Antwort. Es zeigt nur den Spiegel. Der sagt: Du bist nicht mehr die Schönste. Das Kind ist schöner. Das Kind ist das, was du dir gewünscht hast.
Das ist das Unheimlichste in der ganzen Geschichte. Nicht die Hexe. Nicht der Zauberspiegel. Nicht der vergiftete Apfel.
Dass das, was wir uns wünschen, irgendwann schöner wird als wir selbst – und dass wir das nicht ertragen können.

Bevor die Grimms kamen

Die Grimms haben Schneewittchen nicht erfunden. Sie haben es wieder gefunden – und bearbeitet. Wie weit das Muster zurückgeht, zeigen drei Versionen, die älter oder eigenständiger sind als die Grimm-Fassung:

Neapel, 1634 – Giambattista Basile

Im Pentameron, dem ältesten europäischen Märchenbuch überhaupt, steht eine Geschichte namens La schiavottella – Die kleine Sklavin. Sie gilt als früheste schriftliche Schneewittchen-Verwandte.
Eine Frau verschluckt beim Spielen ein Rosenblatt und wird davon schwanger. Befreundete Feen segnen das Kind bei der Geburt – aber eine Fee kommt zu spät, stolpert, verrenkt sich den Knöchel, und verflucht das Kind aus Schmerz: Es wird im siebten Lebensjahr durch Kämmen sterben. Und – genau so geschieht es.
Das Kind liegt im Kristallschrein. Der Baron bewacht den Schlüssel. Seine neue Frau – eifersüchtig und brennend vor Neid – findet den Schrein trotzdem. Sie sieht die Schönheit darin und reißt das Mädchen wütend an den Haaren heraus. Dabei fällt der Kamm heraus und das Kind erwacht.
Die Rettung passiert durch Wut. Nicht durch Liebe, nicht durch einen Kuss, nicht durch einen Zufallsstoß. Durch den Zorn einer eifersüchtigen Frau, die das Mädchen vernichten will – und es dabei befreit.
Das ist Basile. Er war Barockdichter und hatte keinen pädagogischen Auftrag. Er erzählte, was die Geschichte war.
Kein Spiegel. Kein vergifteter Apfel. Der Fluch selbst kommt durch einen Unfall, nicht durch Bosheit. Und die Erlösung – kommt durch eine Feindin.

Griechenland – Rodia

In der griechischen Volksversion ist kein Spiegel. Die Königin fragt die Sonne.
Die Sonne antwortet ihr wahrheitsgemäß: Deine Schwester Rodia ist schöner als du. Rodia wird daraufhin ausgesetzt. Sie kommt aber nicht zu Zwergen – sie kommt zur Königin der Nacht.
Die Sonne als allwissende Instanz ist älter als jeder Spiegel. Sie urteilt nicht, sie zeigt. Und was sie zeigt, ist nicht wegzulügen.

Der Glasberg

In einer deutschen Version von 1809 – vor den Grimms – wohnen die Zwerge nicht hinter sieben Bergen. Sie wohnen auf dem Glasberg.
Schneewittchen liegt nicht im Glassarg. Sie liegt auf dem Glasberg.
Der Glasberg versinnbildlichte in heidnischer Zeit eine Totenstätte – ein Ort zwischen den Welten, weder ganz dies- noch ganz jenseits. Ein Glas-Ort: durchsichtig, kalt, schwebend zwischen Sein und Nicht-Sein.

Das ist ein anderes Bild als der Sarg. Der Sarg ist ein Ende. Der Glasberg ist ein Zustand.

Was diese drei Versionen zeigen

Das Grundmuster ist überall. Schönheit, die bedroht wird. Schlaf, der kein Tod ist. Erwachen durch das Unerwartete. Aber jede Kultur legt andere Gewichte. Basile macht aus dem Feind die Retterin. Die Griechen ersetzen den Spiegel durch die Sonne. Die alte deutsche Überlieferung macht aus dem Sarg einen Ort.

In der albanischen Volksversion lebt Schneewittchen übrigens nicht bei sieben Zwergen – sie lebt bei vierzig Drachen.
Nicht bei Bergwerksgeistern, nicht bei Planetenwächtern. Bei Drachen – den Hütern der Schwelle selbst, nicht eines bestimmten Schatzes, sondern des Übergangs.
Das verändert alles. Das Mädchen, das ins Verborgene flieht, landet nicht bei den Ordnern der Unterwelt. Sie landet bei den Wächtern zwischen den Welten.

Die Grimms haben eine Version aus all den Fragmenten gemacht. Die eine, die am besten ins bürgerliche 19. Jahrhundert passte.

Die Ausgrabungsorte

Amy Silberstein

schreibt am liebsten über das, was sich nicht so leicht in Worte fassen lässt.
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