Dornröschen – Der Schlaf der rechten Zeit

Dornröschen – Der Schlaf der rechten Zeit

Dornröschen schläft nicht weil sie bestraft wird. Sie schläft weil die Zeit noch nicht da ist. Die Hecke tötet die, die zu früh kommen. Und in der ältesten Version weckt sie kein Prinz – sondern ihr eigenes Kind.

Hundert Jahre schlafen … das ist keine verlorene Zeit.
Meine Mutter hätte diesen Satz auch ohne Vogelperspektive sofort unterschrieben. Sie war irgendwie immer müde … aber was genau ist mit diesem Schlaf gemeint, der alles anhält?
Ein Mädchen schläft durch einen Fluch hundert Jahre. Das klingt oberflächlich gelesen nach einem bösen Willen, der über ein unschuldiges Kind hereinbricht. Aber schauen wir noch einmal genauer hin:
Eine Dornenhecke, die jeden tötet, der zu früh kommt. Zu früh …
Jahrzehntelang sterben Prinzen in den Dornen – nicht weil sie dumm sind, sondern weil sie schlicht zu früh kommen. Die Zeit ist noch nicht da. Und die Hecke weiß das – sie lässt niemanden durch. Und dann – genau im hundertsten Jahr – öffnet sie sich. Von selbst. Die Dornen werden zu Blumen, und der Prinz, der jetzt kommt, braucht nicht zu kämpfen. Er geht einfach hindurch.
Der Schlaf ist kein Gefängnis. Er ist ein Schutz. Er hält alles an und auf, bis die Zeit stimmt.

Schicht 1: Die Walküre auf dem Berg

Lange bevor Charles Perrault die Geschichte aufschrieb, lange bevor die Grimms sie als KHM 50 in ihre Sammlung aufnahmen, gab es dieses Bild.
Auf dem Hindarfjall liegt eine schlafende Kriegerin. Sie trägt eine Rüstung, und um sie brennt ein Feuerring – die Waberlohe. Nur wer wirklich furchtlos ist, kann ihn durchqueren. Odin, der Allvater, hat sie dort hingelegt. Mit dem Svefnthorn – dem Schlafdorn. Als Strafe, weil sie in einer Schlacht nach eigenem Urteil handelte statt nach seinem Befehl.
Ihr Name ist Brynhild. Sie ist eine Walküre – eine der Schicksalswählerinnen, die über Sieg und Tod auf den Schlachtfeldern entscheiden. Sie hat den falschen König siegen lassen. Odin straft sie mit dem Schlaf – und mit der Bedingung, dass nur der Mutigste aller Krieger sie wecken darf.
Jacob Grimm kannte das. In seinen eigenen Anmerkungen zu Dornröschen schreibt er: Die schlafende Jungfrau im Schloss, die von Dornen umgeben ist, sei mit der schlafenden Brynhild, die ein Flammenwall umgibt, identisch. Spindel und Schlafdorn – dasselbe Bild.
Das Märchen ist keine Geschichte über ein naives Mädchen, das sich aus Unvorsichtigkeit verletzt. Es ist eine Geschichte über eine Kraft, die schlafen gelegt wurde – und auf das wartet, das mutig genug ist, um durch das Dickicht zu gehen.

Schicht 2: Das Märchen

Erstdruck 1812, KHM 50. Quelle: Marie Hassenpflug, über Charles Perraults La belle au bois dormant (1697). Ältester bekannter Kern: Sole, Luna e Talia von Giambattista Basile, 1634. Das Motiv geht – wie Grimm selbst notiert – auf die altnordische Brynhild-Sage zurück.

Ein Königspaar wartet lange auf ein Kind. Eine Kröte kündigt es an: Die Königin wird eine Tochter bekommen. Zu Ehren der Geburt lädt der König zwölf weise Frauen – Feen – zum Fest. Dreizehn hat er im Reich, aber nur zwölf goldene Teller. Die dreizehnte bleibt aus diesem Grund uneingeladen.
Die zwölf Feen beschenken das Kind mit Gaben: Tugend, Schönheit, Reichtum – alles was ein Mensch sich wünscht. Doch dann geschieht es – noch bevor die zwölfte Fee gesprochen hat, tritt die dreizehnte herein. Aus Rache für die Beleidigung verflucht sie das Mädchen: es werde sich im fünfzehnten Jahr an einer Spindel stechen und tot hinfallen.
Die zwölfte, die noch nicht gesprochen hat, kann den Fluch zwar nicht aufheben – aber mildern. Das Mädchen werde nicht sterben, sondern hundert Jahre schlafen.
Der König lässt daraufhin alle Spindeln im Land verbrennen. Aber am fünfzehnten Geburtstag, findet das Mädchen in einem Schlossturm eine alte Frau beim Spinnen. Und sie greift nach der Spindel, sticht sich und fällt.
Das ganze Schloss schläft mit ihr – König, Königin, Hofstaat, Pferde, Hunde, Tauben, die Köchin, die Küchenmädchen, die Fliegen an der Wand. Eine dichte Dornenhecke wächst ums Schloss.
Mutige Prinzen versuchen verzweifelt, hindurchzukommen. Sie sterben in den Dornen.
Nach hundert Jahren, da die Zeit erfüllt ist, wachsen aus der Hecke Rosen. Ein weiterer Prinz kommt und die Dornen weichen von selbst. Er findet das schlafende Mädchen im Turm und ist fasziniert von ihrer Schönheit. Er küsst sie, sie erwacht. Und mit ihr das ganze Schloss. Das Feuer in der Küche lodert neu auf, die Köchin führt ihre Bewegung zu Ende und ohrfeigt den Küchenjungen. Die Tauben stecken die Köpfe unter den Flügeln hervor.

Was hier wirklich erzählt wird

Die dreizehnte Fee

Sie ist der Dreh- und Angelpunkt. Und sie ist diejenige, über die am wenigsten nachgedacht wird.
Sie wurde nicht eingeladen – und zwar weil nicht genug goldene Teller da waren. Das ist der Auslöser für alles – kein böser Wille, sondern eine Beschränkung, eine Auslassung, eine Lücke in der Ordnung. Das Unvollständige, das sich Bahn bricht.
Die dreizehnte Fee ist nicht böse. Sie ist verletzt. Und aus ihrer Verletzung spricht eine Wahrheit: Dieses Kind wird sich stechen. Nicht weil sie es verhext – sondern weil das die Wahrheit des fünfzehnten Jahres ist. Der Übergang zur Reife ist immer ein Stich. Immer eine Wunde. Immer eine Konfrontation mit dem Spitzen, dem Gefährlichen, mit dem, das der Vater versucht hat aus der Welt zu schaffen.
Man kann alle Spindeln verbrennen. Die Wunde kommt trotzdem.

Das Verbrennen der Spindeln

Der König denkt, er schützt seine Tochter, indem er die Gefahr vernichtet. Das ist der älteste Irrtum der Fürsorge.
Was er tatsächlich tut: Er entfernt alle Spindeln aus dem Land – außer einer. Die letzte, verborgene, vergessene – die in einem alten Turm, bei einer alten Frau, die vielleicht nicht einmal weiß, dass Spindeln verboten sind. Genau diese findet das Mädchen.
Das Verborgene zieht an. Das Verbotene lockt. Nicht aus Rebellion – aus Neugier. Das Mädchen greift nicht trotzig nach der Spindel. Es greift, weil es noch nie eine gesehen hat. Weil sein ganzes Leben von dieser einen Begegnung freigehalten wurde.
Die Wunde entsteht aus dem, was man nie kennenlernen durfte.

Der Schlaf

Das Schloss schläft. Nicht nur das Mädchen – alles. König, Köchin, selbst die Fliege an der Wand. Dieser Schlaf ist kein individueller Zustand, er ist eine kollektive Stillstellung. Die ganze Welt des Mädchens hält inne – wartet mit ihr, schläft in ihrer Zeit.
In der keltischen Mythologie ist der Jenseitsschlaf ein Zeitsprung: Man liegt, die Zeit geht vorbei, und man kommt zurück in ein neues Leben ohne die Last der vergangenen Zeit. Was in den hundert Jahren passiert, weiß das Mädchen nicht. Es schläft hindurch. Es wird dabei aber nicht alt, es trägt keine Trauer, keine Sorge, keinerlei Last.
Und Brynhild? Die Walküre liegt auf ihrem Berg, in ihrer Rüstung, im Feuerring. Auch sie schläft durch die Zeit. Auch sie wartet auf denjenigen, der mutig genug ist. Auch bei ihr werden die Flammen kleiner – nicht durch Kampf, sondern weil die Zeit erfüllt ist.
Der Schlaf ist kein Verlust. Er ist ein Schutz – bis der richtige Moment kommt.

Die Dornen

Die Dornen töten die Prinzen, die der Zeit trotzen wollen. Jämmerlich, sagt das Märchen. Sie bleiben hängen, können nicht zurück, und sterben.
Das ist keine Grausamkeit des Schlosses. Das ist eine Aussage über Bereitschaft. Wer oder was zu früh kommt – bevor die Zeit erfüllt ist – kommt in die Dornen. Nicht als Strafe. Als Tatsache.
Und dann, im hundertsten Jahr? Die Dornen werden zu Rosen, der Prinz geht durch, ohne dass ein Dorn ihn berührt. Nicht weil er stärker ist als die anderen. Sondern weil es jetzt Zeit ist.
Das ist das Schwierigste an diesem Bild: Nicht jede Wand lässt sich durch Mut oder Kraft überwinden. Manche Wand öffnet sich – oder öffnet sich nicht. Und das hat nichts mit dem zu tun, das steht und wartet.

Basile, 1634 – die ursprüngliche Geschichte

Hier muss man kurz innehalten.
Giambattista Basile schreibt 1634 Sonne, Mond und Talia – die älteste schriftliche Fassung. Sie ist nicht romantisch. Sie ist nicht bürgerlich. Sie ist barock und roh und sagt etwas, das Perrault und die Grimms weggeschrieben haben.
Ein König auf der Jagd findet die schlafende Talia im Turmpalast. Er versucht, sie zu wecken – es gelingt ihm jedoch nicht. Er schläft mit ihr und lässt sie dort liegen.
Feen versorgen die Zwillinge, die sie danach bekommt. Die Kinder saugen ihr schließlich die Flachsfaser aus dem Finger – und sie erwacht.
Kein Kuss. Kein edler Prinz.
In Basiles Version erweckt das eigene Kind die Mutter. Nicht durch Absicht – durch Hunger, durch Instinkt, durch das Suchen nach dem, was nährt. Das Neugeborene findet die Faser und zieht sie heraus.
Das ist das älteste Bild. Nicht Erlösung durch den Mann. Nicht Rettung von außen. Das Leben, das aus dem Leben kommt – und damit auch das Vorherige zurückbringt.
Perrault 1697 macht daraus einen romantischen Kuss. Die Grimms 1812 folgen ihm. Das Bild, das wir kennen, ist das sanfteste, späteste, am meisten bearbeitete.

Aurora – die Morgenröte

Disney gab der Prinzessin 1959 den Namen Aurora. Und das nicht zufällig.
Aurora ist die römische Göttin der Morgenröte. Die, die jeden Tag das Licht zurückbringt. Die Schwester des Sonnengottes Sol.
Es liegt nahe, dass auch Disney in Perraults Märchen die mythologische Anspielung erkannte – Aurora als die eigentliche Morgenröte, Tochter der Morgendämmerung.
Dornröschen als Aurora. Das schlafende Licht. Das Licht das hundert Jahre auf seinen Moment wartet – und dann, wenn die Zeit stimmt, zurückkommt.
Der Schlaf ist nicht die Nacht. Der Schlaf ist die Zeit vor dem Morgen.

Was die dreizehnte Fee eigentlich sagt

Sie sagt: Dieses Kind wird sich stechen.
Nicht: Ich werde es bestrafen. Auch nicht: Ich wünsche ihm Böses. Sondern: Das ist die Wahrheit des Lebens, die ihr alle zu verbergen versucht. Wachstum tut weh. Übergang hinterlässt Wunden. Wer das aus dem Land verbannt, schiebt es nur auf.
Sie ist nicht die Böse. Sie ist die, die das Unausweichliche ausspricht. Und dafür wird sie für immer als Schurkin gelesen.
Das ist das tiefste Missverständnis der Grimm-Lesart.

Was das Märchen sagt

Eine Kraft wird schlafen gelegt – weil sie zu früh, zu stark, zu unfertig war für die Welt, in die sie geboren wurde. Sie schläft durch die Zeit, die sie braucht. Um sie wächst ein Schutz, der alle fernhält, die nicht bereit sind.
Wenn die Zeit erfüllt ist, öffnet sich der Schutz von selbst.
Und wer dann kommt, findet eine Frau, die hundert Jahre durch die Zeit gegangen ist, ohne es zu wissen.
Brynhild auf ihrem Berg. Dornröschen in ihrem Turm. Dasselbe Bild – über tausend Jahre.
Der Schlafdorn war immer derselbe. Nur wer ihn gesetzt hat, ändert sich. Odin. Die dreizehnte Fee. Eine Spindel in einem vergessenen Turm.
Die Wunde kommt. Das Schlafen hilft und schützt. Und das Erwachen geschieht von selbst.

Ausgegraben bei:

Amy Silberstein

schreibt am liebsten über das, was sich nicht so leicht in Worte fassen lässt.
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