Der Schmied und der Teufel – Das Bild an der Wand

Der Schmied und der Teufel – Das Bild an der Wand

Der Vater grüßte den Teufel jeden Morgen. Der Sohn bespuckte ihn. Beide bekamen, was sie erwarteten. Ein altrussisches Märchen über das, was passiert, wenn wir unsere Schattenanteile bekämpfen statt sie anzuerkennen.

Ein Schmied am Ende seiner Kräfte. Ein Teufel, ein Pakt. Und am Ende – weder Himmel noch Hölle will ihn haben.
Forschern der Royal Society gelang 2016 der Nachweis: Der Schmied und der Teufel ist das älteste nachweisbare Märchen der indoeuropäischen Tradition.
Als es zum ersten Mal erzählt wurde, gab es also noch kein Griechenland, kein Rom, kein Germanien. Vielleicht ist es das älteste Märchen Europas?
Der Kern dieser Geschichte wird auf 6000 Jahre – Bronzezeit – älter als fast alles andere, was wir kennen, geschätzt. Die Grimm-Brüder haben es nach der ersten Auflage aus ihrer Sammlung gestrichen. Zu rau, zu unmoralisch, kein gutes Ende.
Und genau deswegen lohnt es sich, hinzuschauen.

Schicht 1: Der Ausgestoßene mit dem größten Geschenk

In der griechischen Mythologie wird Hephaistos – Gott des Feuers, der Schmiedekunst, der Transformation – zweimal vom Olymp geworfen. Einmal von seiner Mutter Hera, weil er hässlich und lahm auf die Welt kam. Einmal von Zeus, weil er im Streit der Eltern die Partei seiner Mutter ergriff.
Er landet im Meer. Er landet auf Lemnos. Er humpelt. Er ist der einzige Handwerker unter den Olympiern – der einzige Gott, der mit den Händen arbeitet, der schwitzt, der Feuer braucht. Und er ist der Gefährlichste von allen, denn er schmiedet die Waffen der Götter, die Rüstung des Achilleus, den Dreizack des Poseidon, Hermes’ Flügelschuhe.
Der Ausgestoßene erschafft das, wovon alle anderen leben. Das ist das Paradox des Schmieds in jeder Kultur.
In der nordischen Überlieferung steht Weland der Schmied – gefangen auf einer Insel, lahm gemacht, versklavt, und sich schließlich rächend.
In germanischen Sagen ist der Schmied derjenige, der mit dem Feuer umgeht: das Element, das Holz zu Asche macht und Erz zu einem Schwert. Er lebt am Rand des Dorfes, oft weit außerhalb. Er riecht nach Rauch und Kohle. Er ist notwendig und gleichzeitig gefürchtet.
Jacob Grimm schreibt selbst in seinen Anmerkungen zu diesem Märchen: Man könne sich als Schmied den Gott Thor denken, und als den Teufel einen Riesen.
Das ist kein modernes Deuten. Das ist der Autor, der sagt: Ihr wisst, was das wirklich ist. Ein Gott, der mit dem Chaos verhandelt. Und gewinnt.

Schicht 2: Das Märchen

KHM 81a, nur in der Erstauflage 1812. Quellen: mündliche Überlieferung, verwandt mit dem Schmied von Jüterbog (Bechstein), dem Spielhansl (KHM 82) und europäischen Varianten aus Basiles Pentamerone (1634). ATU 330 – der Typ heißt „Der Schmied überlistet den Teufel". Phylogenetische Untersuchungen datieren den Kern in die Bronzezeit.

Ein lebhafter und streitbarer Schmied ist pleite. Er geht in den Wald, um sich aufzuhängen. Da erscheint ihm der Teufel und bietet ihm endlosen Reichtum an – für zehn Jahre. Danach gehört der Schmied ihm. Der Schmied nimmt an. Zusätzlich bekommt er einen Sack, aus dem niemand herauskommt, der einmal darin ist.
Zehn Jahre vergehen, in denen der Schmied gut gelebt hat. Als der Teufel kommt und ihn abholen will, stellt ihm der Schmied eine Bedingung: er müsse genau wissen, dass er es wirklich mit dem Teufel zu tun hat – demselben, wie beim ersten Treffen. Der Teufel soll sich zunächst in eine Tanne verwandeln, dann in eine Maus.
Der Teufel tut es. Als er Maus ist, steckt ihn der Schmied in den Sack – den Sack, den der Teufel ihm selbst gegeben hat, und aus dem niemand herauskommt. Er prügelt auf den Sack ein, bis der Teufel jammert und das Blatt aus dem Teufelsbuch zurückgibt, auf das der Schmied seinen Namen geschrieben hatte.
Der Schmied ist frei. Und er lebt noch lange. Als er schließlich stirbt und vor den Himmel kommt, lässt Petrus ihn nicht herein, denn er hatte ja einen Pakt mit dem Teufel. Er geht also zur Hölle. Der Teufel, der ihn noch gut kennt, lässt ihn dort aber auch nicht rein. Der Schmied steht nun also zwischen den Welten. Weder Himmel noch Hölle will ihn haben.
In der Variante des Schmied von Jüterbog endet er im Kyffhäuser, bei Kaiser Barbarossa, der auf seine Wiederkehr wartet. Der Schmied als Rüstmeister des schlafenden Kaisers ...

Was hier wirklich erzählt wird

Das erste Hinschauen

Der Schmied will sich aufhängen, weil er am Ende ist. Kein Ausweg, kein Geld, keine Aussicht. Und da erscheint der Teufel.
Das ist der Moment, um den sich alles dreht – und er wird meist übergangen. Der Schmied läuft nicht weg. Er schreit nicht. Er betet nicht. Er schaut den Teufel an und fragt, was er anzubieten hat.
Das ist keine Naivität. Das ist die Haltung des Mannes, der mit dem Feuer arbeitet. Wer täglich mit dem Element umgeht, das alles verwandelt und alles vernichten kann – der erschrickt nicht vor einer weiteren gefährlichen Kraft. Er taxiert sie. Er verhandelt.
Der Teufel ist nicht sein Feind. Er ist sein Gegenüber.
Das ist das Erste, was dieses Märchen sagt: Wer mit dem Feuer bekannt ist, kann auch mit dem Teufel reden.

Der Pakt

Der Schmied unterschreibt einen Pakt: Zehn Jahre Reichtum und ein gutes Leben, dann bekommt der Teufel seine Seele. Das klingt nach einem ziemlich schlechten Deal.
Es ist aber kein schlechter Deal, es ist der einzige Deal, der auf dem Tisch liegt.
Zwischen Selbstmord und zehn Jahren Leben liegt eine Entscheidung. Der Schmied wählt die zehn Jahre. Ohne Garantie, ohne Plan – nur mit dem Wissen, dass in zehn Jahren viel passieren kann. Das ist keine Dummheit. Das ist pragmatische Hoffnung.
Und er bekommt den Sack. Das ist das Entscheidende. Der Teufel gibt dem Schmied sein eigenes Werkzeug. Warum? Vielleicht Arroganz. Vielleicht weil er weiß, dass der Schmied es nie gegen ihn einsetzen wird. Doch damit liegt er falsch.

Das Werkzeug gegen seinen Geber

Zehn Jahre später verlangt der Teufel seinen Lohn. Der Schmied erfüllt die Bedingung scheinbar bereitwillig – er geht mit. Nur noch eine kleine Formalie zur Identitätsprüfung: Verwandle dich in eine Tanne. Jetzt in eine Maus.
Der Teufel verwandelt sich. Er ist es gewohnt, Macht zu demonstrieren. Er kennt keine Gefahr in dieser Situation.
Doch der schlaue Schmied steckt die Maus in den Sack, und versetzt dem Teufel Prügel. Und der Sack, den der Teufel dem Schmied selbst gegeben hat, hält das locker aus – weil aus ihm niemand herauskommt. Nicht einmal sein eigener Schöpfer.
Das ist der älteste Trickster-Zug überhaupt: das Geschenk des Mächtigen gegen ihn selbst wenden. Prometheus stiehlt das Feuer. Hans klettert auf den Weltenbaum. Wassilissa trägt den Schädel nach Hause. Und der Schmied steckt den Teufel in seinen eigenen Sack. Die Waffe des Feindes ist immer die wirksamste.

Weder Himmel noch Hölle

Das Ende, das die Grimms aus der Sammlung gestrichen haben. Es war ihnen zu unbequem, es klingt so gar nicht nach Happy End.
Der Schmied stirbt und kommt zum Himmel. Petrus lässt ihn nicht rein – er hat in seinem Leben Pakte mit dem Teufel gemacht, er hat geprügelt, er hat getrickst. Er ist kein frommer Mann. Der verstorbene Schmied geht also zur Hölle, doch der Teufel kennt ihn noch aus eigener Erfahrung und schlägt die Tür zu.
Der Schmied steht zwischen den Welten.
Das ist die ehrlichste Aussage, die ein Märchen über die gesellschaftliche Position des Schmieds machen kann. Der Mann, der mit Feuer und Eisen umgeht – der für alle Schwerter und Pflüge und Nägel sorgt – wohnt am Rand. Er ist notwendig und gefürchtet. Er gehört nicht ganz dazu. Er ist zu nah an den Urkräften, zu vertraut mit dem, was andere ängstigt.
Weder Himmel noch Hölle will diesen Mann.
In der Jüterbog-Variante landet er im Kyffhäuser – im Berg, wo Kaiser Barbarossa auf seine Wiederkehr wartet. Das ist kein schlechtes Ende, es ist einfach ein anderes Ende. Der Schmied als Rüstmeister des schlafenden Reiches, der darauf wartet, dass die Geschichte sich neu dreht.
Kein Paradies. Kein Fegefeuer. Ein Berg, ein Kaiser, und eine wartende Aufgabe.

Der Sohn, der nicht grüßt

In manchen Varianten des Stoffs tritt neben den Schmied ein Sohn – oder einfach das Bild eines Menschen, der dem Teufel anders begegnet als der Vater.
Der Schmied schaut hin. Er grüßt. Er macht einen Deal, weil er die Kraft vor sich einschätzt, statt sie zu verdrängen. Und genau diese Haltung – das Hinschauen ohne Flucht – ist es, die ihm am Ende die Überhand gibt.
Der Sohn, der nicht grüßt, kämpft. Er reißt das Bild von der Wand. Er spuckt darauf. Er weist das Dunkle zurück mit aller Energie, die er hat.
Aber – was man bekämpft, dem gibt man seine Aufmerksamkeit, wodurch es größer und stärker wird. Was man verleugnet, erscheint von außen. Der Schatten, den man nicht anschaut, wird zum Dämon – und das nicht aus Bosheit, sondern weil er keinen anderen Weg findet als den durch die Hintertür.
Der Schmied-Vater weiß das, denn er hat das Feuer berührt. Er kennt den Teufel beim Namen. Weil er ihn bereits gesehen hat.
Das ist der psychologische Kern, der unter diesem 6000 Jahre alten Märchen liegt und der nie weggeht: Nicht das Dunkle ist das Problem, sondern die Weigerung, es anzuschauen.

Was die Grimms entfernt haben – und warum

KHM 81a stand nur in der Erstauflage. Ab 1819 war es weg – ersetzt durch Bruder Lustig – eine entschärfte Variante der Mär, in welcher der Held am Ende doch noch in den Himmel hineinkommt.
Das Unbehagen der Brüder Grimm ist verständlich. Ein Märchen, in dem der Protagonist mit dem Teufel paktiert, ihn prügelt, und trotzdem nicht in den Himmel kommt – das passt nicht in ein Buch, das als Erziehungsliteratur gedacht war.
Aber genau das ist das Ehrlichste daran. Der Schmied ist kein Held im moralischen Sinn. Er ist jemand, der überlebt. Der mit den Mitteln kämpft, die er hat. Der das Feuer kennt und deshalb keine Angst vor dem hat, was im Feuer wohnt.
Und am Ende: der weder für den Himmel noch für die Hölle geschaffen ist. Der einfach weiterexistiert.
Das ist vielleicht die radikalste Aussage in der gesamten Grimm-Sammlung. Und sie wurde gestrichen.

Was das Märchen sagt

Wer mit dem Feuer arbeitet, kennt den Teufel beim Namen. Er erschrickt nicht, wenn er ihn sieht. Er grüßt.
Er macht einen schlechten Pakt, weil es der einzige Pakt ist, den es in seiner Situation gibt. Er lebt die zehn Jahre und nutzt sie, um sich einen Plan zu schmieden. Er benutzt das Werkzeug seines Gegenübers gegen sein Gegenüber, und – er überlebt.
Und am Ende steht er dort, wo alle Schmiede immer standen: zwischen den Welten. Weder ganz drinnen noch ganz draußen. Notwendig für alle, zugehörig zu keinem.
Das ist kein tragisches Ende. Das ist eine genaue Beschreibung.
„Der Schmied und der Teufel“ ist 6000 Jahre alt. Und es ist immer noch das Märchen über den Menschen, den weder Himmel noch Hölle will – weil er von beiden zu viel verstanden hat.

Ausgegraben bei:

Amy Silberstein

schreibt am liebsten über das, was sich nicht so leicht in Worte fassen lässt.
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