Hans ist ruhiger, leichter und stiller als seine Märchenkollegen, denn er kämpft nicht, er sucht nicht, und er leidet nicht wirklich. Er geht einfach.
Hans im Glück stammt aus der Zeitschrift Wünschelruthe, wo Friedrich August Wernicke ihn ein Jahr zuvor (1818) unter dem Titel Hans Wohlgemut veröffentlicht hatte. Die Grimms übernahmen ihn ab der 2. Auflage von 1819.
Es beginnt nicht mit: „Es war einmal." Das ist das erste Zeichen.
Fast alle Märchen der Brüder Grimm beginnen mit diesem Satz. Hans im Glück nicht. Es beginnt mit: Hans hatte sieben Jahre bei seinem Meister gedient. Und jetzt will er nach Hause. Zur Mutter.
Keine Vorgeschichte. Kein Ursprung. Kein Zauber. Nur: Jemand geht nach Hause.
Was kein Märchen ist
Hans im Glück ist im strengen Sinn kein Märchen. Es gibt keine Hexen, keine sprechenden Tiere, keine Zauberer, keine Feen. Kein einziges übernatürliches Element.
Das Einzige, was wundersam ist: das Glück selbst. Das Glück klebt an Hans wie an anderen Menschen das Pech.
Das ist die Geschichte. Ein Mensch geht einen Weg. Verliert dabei alles. Und ist am Ende freier als am Anfang.
Die Kette
Sieben Jahre Arbeit. Der Lohn: Ein kopfgroßer Klumpen Gold, so schwer wie ein kleiner Fels. Hans trägt ihn. Eine Weile jedenfalls, dann wird er schwer.
Ein Reiter kommt vorbei: Was braucht man Gold, wenn man ein Pferd haben kann? Hans tauscht und reitet froh weiter. Das Pferd wirft ihn ab.
Ein Bauer mit einer Kuh kommt vorbei: Was braucht man ein ungebärdiges Pferd, wenn man eine ruhige Kuh haben kann? Hans tauscht wieder und denkt schon an Butter und Käse. Die Kuh gibt aber keine Milch.
Ein junger Mann mit einem Schwein erscheint: Was braucht man eine lahme Kuh, wenn man bald Würste essen kann? Hans tauscht. Und freut sich auf den Braten.
Aber schon wieder gibt es Unangenehmes – das Schwein, so sagt jemand am Weg, ist gestohlen.
Ein Mädchen mit einer Gans kommt des Weges: Was braucht man ein verdächtiges Schwein, wenn man schönes Fett haben kann? Hans tauscht und geht weiter, die Gans unterm Arm.
Er trifft einen Scherenschleifer: Was braucht man eine Gans, wenn man selbst Schleifer werden und sich etwas verdienen kann? Hans tauscht, bekommt einen Wetzstein und einen schweren Feldstein dazu. Die Steine werden aber schwerer bei jedem Schritt.
Hans kommt an einen Brunnen. Er legt die Steine auf den Rand, beugt sich vor, um zu trinken. Und stößt dabei an die Steine, welche in den Brunnen hineinfallen.
Er sieht ihnen nach. Kniet sich nieder und dankt Gott mit Tränen in den Augen, dass ihm auch diese Last genommen wurde.
Dann springt er auf und geht weiter. Zur Mutter. Ohne alles.
“So glücklich wie ich, rief er aus, gibt es keinen Menschen unter der Sonne.”
Was hier wirklich passiert
Er hat nicht entschieden, die Steine loszulassen. Er hat sie versehentlich fallen lassen.
Das ist der entscheidende Satz – und er steht nicht explizit im Text. Aber er steckt darin.
Hans musste gar nicht abwerfen, was ihn beschwert hat. Er hat es einfach fallen lassen.
Das ist der Unterschied zwischen Entsagung und Loslassen. Entsagung ist eine Entscheidung – sie kostet etwas, sie setzt Willen voraus, sie hält die Erinnerung an das Aufgegebene lebendig. Loslassen passiert einfach. Es ist kein Akt. Es ist das Aufhören eines Aktes.
Hans hält nicht fest. Das ist alles.
Was alle anderen tun
Jeder Mensch, dem Hans begegnet, überzieht ihn. Der Reiter lobt das Pferd. Der Bauer lobt die Kuh. Der junge Mann lobt das Schwein. Das Mädchen lobt die Gans. Der Scherenschleifer lobt sein Handwerk.
Jeder, dem er begegnet, redet Hans ein, was er gerade hat, sei weniger wert als das, was er bekommen könnte.
Das klingt nach Betrug. Und es ist Betrug – von außen gesehen. Aber Hans erlebt es nicht als Betrug. Er hört die Lobrede und denkt: Ja, stimmt. Und er tauscht.
Er vergleicht nicht rückwärts. Er vergleicht nur vorwärts – und immer mit dem, was gerade angeboten wird. Das macht ihn unbetrügbar.
Man kann nur jemanden betrügen, der an dem festhält, was er hat. Hans hält nie fest. Es gibt nichts zu nehmen, das er nicht selbst schon loslässt.
Das Gold und der Stein
Die Tauschkette hat eine Logik, die nach außen wie ein Abstieg aussieht: Gold, Pferd, Kuh, Schwein, Gans, Stein.
Von allem Wertvollsten zum wertlosesten Brocken.
Aber in der Alchemie – der alten, nicht der neuzeitlichen – gibt es einen Weg, der genau so aussieht. Das Ziel ist nicht das Gold. Das Ziel ist der Stein der Weisen. Das innere Gold. Das, was durch den Abstieg vom materiellen Besitz hindurch kommt.
Hans beginnt mit dem schweren äußeren Gold und endet mit nichts. Und dadurch mit dem Leichtesten, was es gibt: sich selbst.
Weltlich verloren ist geistig gewonnen. Das steht nicht im Märchen. Aber das Märchen zeigt es.
Die Steine im Brunnen
Das letzte Bild ist das stärkste.
Hans liegt am Brunnenrand. Die Steine sind weg. Und Hans dankt Gott – mit Tränen in den Augen – nicht für das, was er bekommen hat. Für das, was ihm genommen wurde.
Das ist nicht Ergebung. Das ist eine Erkenntnis.
Er weiß, dass die Steine nicht sein Besitz waren. Sie waren seine Last. Er hat sie nur eine Weile getragen, weil er nicht wusste, wie er sie absetzen sollte. Der Brunnen hat das für ihn getan.
Der Brunnen – das sagt so viel: In allen alten Kulturen symbolisiert der Brunnen den Eingang zum Tieferen, zum Unbewussten, zum Ursprung. Was in den Brunnen fällt, kehrt nicht zurück. Was in den Brunnen fällt, gehört wieder dem, dem es gehört: der Erde.
Hans gibt zurück. Ohne es zu wissen.
Was kaum jemand versteht – auch nicht Hans
Er ist kein Weiser. Er ist kein Heiliger. Er ist kein Mönch.
Er hat keine Lehre verinnerlicht. Er hat nicht meditiert. Er hat sich keine Regel gegeben.
Er ist einfach jemand, der nach Hause will. Der unterwegs immer das Nächste nimmt, das ihm begegnet. Der nie zurückschaut. Der nie fragt, was er aufgegeben hat.
Und gerade deshalb passiert ihm das, worauf andere ihr ganzes Leben lang hinarbeiten.
Der Philosoph Ludwig Marcuse schrieb: Man besitzt das Glück weder im Gold noch im Schwein noch im Stein. Vieles kann einen glücklich machen; aber kein Gut macht einen glücklich in jeder Beziehung.
Hans hat das nicht gedacht. Er hat es einfach gelebt.
Das Ende
Er kommt bei der Mutter an. Nicht mit einem Schatz. Nicht mit einer Prinzessin. Nicht mit einem Schloss. Er kommt mit leeren Händen und einem leichten Herzen.
Die Mutter ist das Ziel – von Anfang an. Sieben Jahre Arbeit, und dann: endlich nach Hause. Alles dazwischen war ein Weg. Die Tauschgeschäfte, die Verluste, die Befreiungen – das war alles der Weg selbst.
Das Märchen endet dort, wo es begann. Nicht mit Reichtum. Mit Heimkommen.
Wer nichts mehr besitzt außer sich selbst – so sagt das Märchen – der ist wohl wahrhaft glücklich.
Das ist keine Moral, keine Zauberformel, kein Rezept, und keine Anleitung. Das ist eine Beobachtung. Es ist die Geschichte von jemandem, der einfach alle Lasten fallen gelassen hat.
Unsere Ausgrabungsorte
- Grimm-Originaltext (Wikisource): https://de.wikisource.org/wiki/Hans_im_Gl%C3%BCck
- Wikipedia – Varianten, Interpretationen: https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_im_Gl%C3%BCck
- Märchenatlas – Analyse, Schwank, Strukturmotive: https://www.maerchenatlas.de/deutsche-maerchen/grimms-marchen/hans-im-glueck/
- Hans im Glück und buddhistische Deutung: http://www.saekularerbuddhismus.org/?p=2382
- Interpretation Sein vs. Haben (Erich Fromm): http://www.leixoletti.de/interpretationen/hans.htm
- Lebensweg als Sonnenbahn, alchemistische Lesart: https://erzaehlkarawane-ammersee.de/geschichtenundinterpretationen/bruedergrimm/hansimglueck/hansimglueck_interpretation.php