Was hat meine Kaffeemaschine mit ChatGPT gemeinsam?

Was hat meine Kaffeemaschine mit ChatGPT gemeinsam?

Warum nicht die KI entscheidend ist, sondern was sie tut. Ein Blick auf den Gedanken hinter dem AI Act, ausgehend von einem Gerät, das niemand für Künstliche Intelligenz hält.

Eine moderne Kaffeemaschine trifft Entscheidungen. Sie erkennt, welche Bohnen eingefüllt wurden, wählt den passenden Mahlgrad, misst die Wassermenge und passt die Temperatur an. Niemand nennt das Künstliche Intelligenz. Niemand spricht von “ChatGPT im Kaffeeautomaten”.

ChatGPT trifft im Kern etwas sehr Ähnliches. Welches Wort passt als Nächstes? Welche Antwort ist wahrscheinlich? Ein System verarbeitet Informationen und erzeugt daraus nach vorgegebenen Verfahren eine Reaktion. Technisch liegen zwischen einer Kaffeemaschine und einem SprachmodellNeuronales Netz, das auf Textverarbeitung spezialisiert ist und Sprache als Wahrscheinlichkeitsberechnung verarbeitet

Auch bekannt als: LLM, Large Language Model, Language Model
Welten. Im Grundgedanken sind sich beide überraschend ähnlich.

Die falsche Frage

Über Kaffeemaschinen wird nicht diskutiert, ob sie intelligent sind. Über Sprachmodelle wird kaum noch etwas anderes diskutiert. Ist ChatGPT wirklich intelligent? Versteht es, was es sagt? Diese Fragen sind interessant, aber sie führen an der eigentlichen Sache vorbei. Maschinen treffen bereits seit Jahrzehnten Entscheidungen, lange bevor jemand von Künstlicher Intelligenz sprach. Ein Thermostat entscheidet, wann die Heizung anspringt. Eine Ampelsteuerung entscheidet, wie lange eine Ampel grün bleibt.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht: Ist das intelligent? Sie lautet: Welche Entscheidung trifft dieses System, und für wen hat sie eine Konsequenz?

Worauf der AI Act wirklich schaut

Genau an dieser Stelle setzt der AI ActEU-Verordnung zur Regulierung von KI-Systemen nach Risikostufen - seit August 2024 in Kraft, Fristen für Hochrisiko-KI durch Digital Omnibus auf 2027/2028 verschoben

Auch bekannt als: EU AI Act, KI-Verordnung, Artificial Intelligence Act
an. Ihn interessiert nicht, wie fortgeschritten eine Technologie ist. Ihn interessieren die Folgen einer Entscheidung.

Eine Kaffeemaschine entscheidet über den Mahlgrad. Geht diese Entscheidung schief, schmeckt der Kaffee schlecht. Ein System, das Bewerbungen vorsortiert, entscheidet mit darüber, wer zu einem Gespräch eingeladen wird. Ein System, das Kreditwürdigkeit einschätzt, entscheidet mit darüber, ob jemand eine Wohnung finanzieren kann. Im Grundprinzip können sich alle drei Systeme ähneln: Muster erkennen, Daten gewichten, eine Ausgabe erzeugen. Gesellschaftlich liegen dazwischen Welten.

Verantwortung statt Modell

Deshalb reguliert der AI Act nicht Modelle, nicht Parameter, nicht Intelligenz. Er reguliert Anwendungen. Dieselbe zugrunde liegende Technologie kann in einem Einsatzbereich völlig unreguliert bleiben und in einem anderen zur Hochrisiko-Anwendung werden. Nicht, weil sich das Modell verändert hätte. Sondern weil sich die Verantwortung verändert hat, die mit seiner Entscheidung verbunden ist.

Ein Sprachmodell, das Rezeptvorschläge macht, trägt eine andere Verantwortung als eines, das über medizinische Diagnosen mitentscheidet. Nicht jedes System, das mit Sprache arbeitet, fällt automatisch unter dieselben Regeln. Und nicht jedes System, das Entscheidungen trifft, ist deshalb schon riskant.

Warum dieselbe Technik heute harmlos und morgen riskant sein kann

Wer das einmal verstanden hat, versteht auch, warum sich Schlagzeilen zum AI Act oft widersprechen. Ein Artikel warnt vor Hochrisiko-KI, ein anderer berichtet von völlig unregulierten Anwendungen, beide meinen möglicherweise dieselbe zugrunde liegende Technologie. Der Unterschied liegt nicht im System selbst, sondern in dem, wofür es eingesetzt wird.

Morgen früh drückst du vielleicht wieder auf den Startknopf deiner Kaffeemaschine. Sie wird entscheiden, wie fein sie mahlt, wie lange sie extrahiert und wann der Kaffee fertig ist. Niemand würde deshalb verlangen, sie wie ein System zur Bewerberauswahl zu regulieren. Genau diese Unterscheidung versucht der AI Act zu treffen. Nicht perfekt. Aber vielleicht verständlicher, als viele Schlagzeilen vermuten lassen.

Michael von den Drachen

entwickelt Bücher, Software und offene Regelwerke rund um technische Systeme, digitale Unabhängigkeit und langlebige Softwarearchitekturen.
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