Hans und die Bohnenranke – Der Weltenbaum in englischem Gewand

Hans und die Bohnenranke – Der Weltenbaum in englischem Gewand

5000 Jahre alt, auf jedem Kontinent bekannt. Die Bohnenranke ist nur das englische Gewand des Weltenbaums. Jack klettert hinauf. Er holt die Schätze. Dann fällt er den Baum.

Jack and the Beanstalk – eine neue Studie stellt die These auf, dass dieses Märchen zu den ältesten der Menschheit gehört und ca. 5000 Jahre alt ist. Die Bohnenranke erinnert stark an den Mythos vom Weltenbaum, der Erde und Himmel verbindet. Eine erste gedruckte Version ist von 1807, populär gemacht 1890 durch Joseph Jacobs.
Ein uraltes Märchen also – Grund genug für uns, tief zu graben …

Hans verkauft seine Kuh gegen Bohnen. Die Mutter wird wütend und wirft diese Bohnen aus dem Fenster. Und am nächsten Morgen reicht eine Ranke bis in den Himmel.
Das klingt nach einem Kindermärchen. Doch es ist eines der ältesten Bilder, die wir haben: Ein Mensch klettert aus seiner Welt in eine andere. Was er dort tut, und was er mitbringt – darüber lohnt es sich genauer nachzudenken.

Schicht 1: Der Baum, der alle Welten verbindet

Lange bevor jemand die Geschichte aufschrieb, gab es das Bild bereits.
Yggdrasil – die Weltenesche der nordischen Kosmologie – verbindet neun Welten. Ihre Wurzeln reichen bis in den Brunnen der Weisheit, bis in das Reich der Toten, bis in die Welt des Chaos. Ihre Äste tragen Asgard, die Welt der Götter. Zwischen den Welten: der Baum. Wer von einer Welt in eine andere will, muss ihn nutzen.
Das ist kein germanisches Sonderwissen. Der Weltenbaum taucht in nahezu allen Kulturen auf – als Baum, als Berg, als Leiter, als Ranke. In schamanischen Traditionen weltweit ist das Klettern auf diesem Baum der zentrale Akt: Der Schamane verlässt die Alltagswelt, steigt in die Anderswelt hinauf oder hinunter, und kommt mit etwas zurück, das er dort geholt hat. Für die Gemeinschaft. Auf eigene Gefahr.
Hans klettert auf eine Bohnenranke. Das Bild ist dasselbe.
Und oben? Dort ist das Land der Riesen. In der germanischen Mythologie ist das Jötunheim – eine der neun Welten, Heimat der Urgewalten. Riesen sind nicht einfach große Menschen. Sie sind die Personifikation des Naturprinzips vor aller Ordnung: die Kraft, die Gebirge auftürmt, das Wetter macht, die Erde erschüttert. Die Götter der Asen wurden aus Riesenblut geboren – Yggdrasil selbst wuchs aus einem erschlagenen Riesen. Riesen sind Urahnen. Gefährlich, ungezähmt, und in einem grundlegenden Sinn: Älter als alles, was nach ihnen kam. Und zu ihnen steigt Hans hinauf.

Schicht 2: Das Märchen

Englische Überlieferung, erstmals 1807 gedruckt (Benjamin Tabart). Bekannteste Fassung: Joseph Jacobs, English Fairy Tales, 1890. Im deutschen Sprachraum als Hans und die Bohnenranke.

Hans und seine Mutter sind arm und ihre Kuh gibt keine Milch mehr. Die Mutter schickt Hans auf den Markt, um sie zu verkaufen. Unterwegs trifft Hans einen alten Mann, der ihm fünf Zauberbohnen für die Kuh anbietet. Hans nimmt den Tausch an.
Die Mutter ist außer sich vor Wut. Sie wirft die Bohnen aus dem Fenster. Doch am nächsten Morgen wächst eine Ranke bis in den Himmel.
Hans klettert die Ranke hinauf. Oben angekommen findet er ein fremdes Land, eine lange Straße, ein riesiges Schloss. Die Frau eines Riesen öffnet ihm die Tür. Hans hat Hunger und bittet um Brot. Die Riesin füttert ihn – aber als der Riese heimkommt, versteckt sie Hans im Ofen. Der Riese schnüffelt: „Fee, fi, fo, fum – ich rieche das Blut eines Engländers!" Seine Frau jedoch beruhigt ihn. Der Riese isst, zählt sein Gold, schläft ein. Hans stiehlt einen Beutel mit dem Gold und klettert die Ranke hinab.
Das Gold ist bald ausgegeben und Hans klettert zum zweiten Mal hinauf. Wieder füttert ihn die Riesin, wieder versteckt sie ihn, wieder schläft der Riese ein. Diesmal stiehlt Hans eine goldene Henne, die goldene Eier legt.
Doch Hans klettert noch einmal und dieses dritte Mal stiehlt Hans eine goldene Harfe, die von selbst singt. Doch die Harfe ruft ihren Herrn. Der Riese verfolgt Hans die Ranke hinunter. Hans schafft es gerade noch, die Ranke mit der Axt zu fällen. Der Riese stürzt und stirbt. Hans und seine Mutter leben von da an in Reichtum.

Was hier wirklich erzählt wird

Der Tausch

Die Mutter schickt Hans mit der Kuh auf den Markt. Hans kommt mit Bohnen zurück.
Das klingt nach Dummheit, ist aber das Gegenteil.
Der alte Mann, dem Hans begegnet, kennt ihn. Er bietet den Tausch an, weil er weiß, wer da kommt. Das ist keine Überlistung eines naiven Jungen. Das ist das Erkennen. Der Helfergeist – in schamanischen Kulturen die Gestalt, die das Schicksal in Gang bringt – erkennt, wer bereit ist, den alten Weg zu gehen. Hans nimmt den Tausch an, ohne zu zögern. Das ist Vertrauen, nicht Naivität.
Die Kuh steht für die Alltagswelt: Sie gibt Milch, sie ernährt, sie ist das Verlässliche. Hans gibt sie her – ohne zu wissen, wofür. Das ist die erste Bedingung für alles, was folgt.

Die drei Schätze

Hans steigt dreimal hinauf. Dreimal stiehlt er etwas anderes.
Gold – die goldene Henne – die goldene Harfe.
Das ist keine zufällige Aufzählung. Die drei Schätze beschreiben drei verschiedene Arten von Reichtum: das materielle Kapital, das sich selbst erneuernde Prinzip der Fruchtbarkeit, und das schöpferische – die Harfe, die singt, die Kunst, die sich selbst ausdrückt.
Prometheus stiehlt das Feuer von den Göttern. Die sumerische Inanna stiehlt die Weisheitstafeln aus dem Totenreich. Die australischen Kulturbringer stehlen den Ursprungsgesang. Es ist immer dasselbe Motiv: Jemand steigt in die Welt der Urgewalten und bringt das mit, was die Menschen brauchen – nicht weil er ein Recht darauf hat, sondern weil er die Grenze überschreiten kann.
Hans ist kein Held im moralischen Sinn. Er ist ein Dieb. Das Märchen macht keine Anstalten, das zu entschuldigen. Spätere Fassungen haben den Riesen zum Tyrannen gemacht, damit Hans zum Befreier werden kann – aber das ist eine Reinwaschung, die das Ursprüngliche verschleiert. Der rituelle Diebstahl braucht keine Rechtfertigung. Er ist das Prinzip selbst: Die Gabe kommt von dort, wo die Urgewalten sie hüten. Wer sie holen will, muss hinaufsteigen.

Die Riesin

Das wird immer übersehen.
Die Frau des Riesen füttert Hans. Dreimal. Sie versteckt ihn, dreimal. Sie warnt ihn, dreimal. Ohne sie wäre er beim ersten Besuch bereits gestorben.
Sie ist die Helferin in der Anderswelt – dieselbe Figur wie Baba Jagas Gastfreundschaft, die Großmutter des Teufels, die Hexe, die den Weg weist. Das Weibliche in der Welt der Riesen ist nicht feindlich. Es ist das, was den Übergang überhaupt ermöglicht.
Warum hilft sie ihm? Das Märchen sagt es nicht. Vielleicht weil sie weiß, dass Hans kommen musste. Vielleicht weil die Urgewalt, die ihr Mann verkörpert, gezähmt werden muss, damit etwas Neues möglich wird.

Die Harfe, die ruft

Die goldene Harfe will nicht gestohlen werden.
Gold schweigt. Die Henne gackert nur einmal. Aber die Harfe – die Kunst, die Schöpferkraft, das Prinzip der lebendigen Stimme – ruft ihren Herrn und verrät Hans dadurch.
Das ist kein Fehler im Märchen. Das ist Präzision. Die ersten zwei Schätze kann man nehmen. Den Dritten – das Schöpferische – kann man nicht einfach greifen. Er setzt den Riesen in Bewegung. Er zwingt Hans zur Entscheidung: jetzt, mit allem, was er hat.
Die Kunst lässt sich nicht schweigend stehlen. Sie besteht auf dem Preis.

Das Fällen der Ranke

Hans fällt die Ranke, als der Riese noch darauf ist. Der Riese stürzt und stirbt.
Das ist das Ende des Weges zwischen den Welten. Die Verbindung wird gekappt. Was Hans geholt hat, bleibt in dieser Welt – aber die Möglichkeit, wieder hinaufzusteigen, ist damit vorbei.
Das ist kein versehentlicher Tod. Das ist der Abschluss des Übergangs. Der Schamane, der zurückkommt, bringt die Gabe – und schließt den Weg hinter sich. Was in der Anderswelt war, bleibt nicht zugänglich. Die Ranke muss fallen.
Der Riese, der auf ihr stirbt, ist kein Opfer und nicht der Feind. Er ist die Kraft, die mit dem Weg selbst verknüpft war. Als der Weg endet, endet er mit.

Was die moralisierende Lesart daraus macht

Die Standarddeutung: Hans ist faul, unzuverlässig, naiv – und wird trotzdem reich. Daher muss der Riese ein Bösewicht sein, sonst ergibt das Märchen keinen moralischen Sinn.
Das ist der Versuch, ein schamanisches Initiationsbild in eine Belohnungsgeschichte umzuschreiben. Er funktioniert aber nicht.
Hans ist kein Vorbild für Fleiß und Gehorsam. Er ist der Typ, der die Kuh gegen Bohnen tauscht – der also bereit ist, das Verlässliche herzugeben für etwas, das noch gar nicht beweisbar ist. Das ist keine Tugend im bürgerlichen Sinn. Aber es ist die einzige Eigenschaft, die es jemand möglich macht, die Ranke hinaufzuklettern.

Was das Märchen sagt

Es gibt Welten über dieser Welt. Man kommt zu ihnen durch einen Baum, eine Ranke, einen Weg, der über das Sichtbare hinausgeht. Der Eingang liegt dort, wo man das Verlässliche loslässt.
Oben wohnen Urgewalten. Nicht böse. Nicht gut. Aber alt. Was sie hüten, gehört eigentlich der Menschheit – aber man muss es sich holen. Und das kostet. Es kostet die Kuh, es kostet die dreifache Gefahr, es kostet am Ende die Ranke selbst.
Wer zurückkommt, hat drei Dinge: materiellen Bestand, sich selbst erneuernde Kraft, und eine Stimme, die singt – auch wenn sie ihren Herrn verrät.
Das ist kein schlechter Tausch für fünf Bohnen.

Ausgegraben bei:

Amy Silberstein

schreibt am liebsten über das, was sich nicht so leicht in Worte fassen lässt.
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