Die Erbin des Amuletts

Frederike Amalia Sinclair

Erschienen: 18.04.2026

Eine Erbschaft, die alles verändert. Ein Amulett, das ihr Leben bedroht. Eine Liebe, die alle Grenzen sprengt.

Shyla Cameron führt ein ruhiges Leben – bis eines Abends eine völlig orientierungslose Frau vor ihr Auto läuft. Plötzlich findet sie sich in einer Achterbahn an Ereignissen wieder, die zunehmend zu einem gefährlichen Abenteuer werden.

Ihr Erbe, ein Amulett ihrer Großmutter, trägt in sich Geheimnisse, die Shyla völlig überfordern. Es weckt nicht nur Shylas bislang schlummernde magische Kräfte – es zieht auch mächtige Feinde an, die vor nichts zurückschrecken, um es in ihre Hände zu bekommen.

Der rätselhafte Maurice unterstützt sie, was in Shyla gemischte Gefühle auslöst. Einerseits ist sie froh, denn ohne seine Hilfe wäre sie mehr als nur einmal völlig aufgeschmissen. Denn Shyla kennt weder ihre Ahnen, noch kann sie die Magie in sich kontrollieren. Andererseits hat er eine starke Wirkung auf sie, was ihr eine Heidenangst macht, denn schon bald steht nicht nur ihr ganzes Leben, sondern auch ihr Herz kopf.

Mehr und mehr schlittert sie in die geheimnisvolle Welt einer Familiensaga voller Liebe und Verrat. Sie muss ihr Erbe antreten und ein uraltes Rätsel lösen, um einen mächtigen und zerstörerischen Fluch zu brechen, der über Generationen hinweg gewirkt hat.

Ein fesselnder Fantasy-Roman über die Macht der Liebe, die Kraft des Erbes und den Mut, das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen.

Leseprobe

Es regnete bereits seit zwei Tagen. Nicht, dass das ungewöhnlich gewesen wäre, doch gefühlt wurde es immer stärker und irgendwie auch immer nasser. Shyla stand fluchend vor dem Haus ihrer Mutter Elena, unter das Vordach der Eingangstür gedrückt. Sie zog den Schlüssel ihres Honda aus der Tasche und ärgerte sich, dass ihr Regenschirm, wie üblich, im Wagen lag. Die Straße erinnerte durch die Wassermassen mehr an einen Bach, doch die Alternative, wieder in das Haus ihrer Mutter zu gehen, war heute absolut ausgeschlossen. Seitdem Shylas dreißigster Geburtstag näher rückte, hatte Elena eine Art Torschlusspanik entwickelt. Sie war offensichtlich auf der Suche nach einem Bräutigam für ihre Tochter, denn sämtliche Informationen über die Junggesellen der kleinen Stadt wurden von ihr gesammelt, um dann, in hübsche Schwärmereien verpackt, an Shyla serviert zu werden. Elenas neueste Idee war, ihre Tochter mit Philip, dem Malermeister, zu verkuppeln. Shyla schauderte bei dem Gedanken an die vergangenen zwei Stunden, in denen ihre Mutter Philip wieder und wieder angepriesen hatte, gepaart mit einem großen Repertoire an Vorwürfen, was ihre Tochter ihrer Meinung nach so alles falsch machte. Shyla fluchte erneut. In ihrem Herz kam eine so lange schon bekannte Traurigkeit hoch. Eine Träne lief über ihre Wange, als sie daran dachte, dass ein Vater da bestimmt anders denken würde. Ein Vater würde keine Ambitionen zeigen, die eigene Tochter zu verschachern, da war sie sich sicher. Shyla kannte ihren Vater aber nicht. Er hatte die kleine Familie verlassen, als Shyla noch ein Baby war und ihre Mutter weigerte sich stur, über ihn zu sprechen. Nichts, wirklich gar nichts war aus Elena herauszubekommen.

Shyla wischte energisch die Träne weg, sah kurz nach rechts und links und rannte los. Sie riss die Autotür auf, warf ihre Tasche in den Wagen und sprang hinterher. Als sie den Schlüssel ins Zündschloss steckte und drehte, erklang sofort laute Musik, die das Prasseln des Regens übertönte. Shyla entspannte sich ein wenig, indem sie mit ihren Fingern im Takt der Musik auf das Lenkrad trommelte, erst dann fuhr sie langsam los.

Entschlossen hielt sie aufs Texas zu. Das kleine Restaurant war viel mehr für Shyla als nur ihr Arbeitsplatz. Die Kollegen waren längst zu Freunden geworden, ganz besonders Monique. Und Monique hatte jetzt gerade Dienst, was bei diesem Wetter bedeutete, dass sie genug Zeit hatte, ein wenig zu plaudern und die schlechte Laune zu vertreiben. Alleine in ihre kleine Wohnung zu gehen, auf sich selbst zurückgeworfen zu sein, danach war Shyla nach dem Besuch bei ihrer Mutter so gar nicht.

In Gedanken versunken bog sie in die Straße zum Texas ein, da sah sie plötzlich auf der Fahrbahn eine Gestalt. Reflexartig trat Shyla auf die Bremse. Der Honda schlitterte auf der regennassen Straße und kam mit einem letzten Ruck direkt vor der Gestalt zum Stehen. Die Zeit schien ebenfalls stehen zu bleiben, sekundenlang rührte sich nichts. Shyla starrte atemlos durch die Scheibe. Die Scheibenwischer stoben monoton den Regen zur Seite und gaben wiederholt für kurze Zeit den Blick auf eine junge Frau frei, die ihrerseits in den Wagen starrte. Dann plötzlich war die Frau verschwunden.

Shyla schrie auf. Kurze Zeit verharrte sie, doch als die Frau verschwunden blieb, öffnete sie unendlich langsam die Wagentür. Sie stieg aus und schlich, den Regen ignorierend, vor ihr Auto, wo sie die Frau reglos vor sich liegen sah.

»Fuck«, fluchte Shyla und beugte sich über sie. Erleichtert stellte sie fest, dass sie einen Pulsschlag fühlen konnte. Schnell sprang sie auf und rannte ins Texas, um Hilfe zu holen.

Franziskus, der Inhaber des Lokals, und Bobby, der beste Koch der ganzen Region, reagierten sofort und eilten los. Shyla fuhr den Honda von der Fahrbahn, während Franziskus und Bobby die Frau mit schnellem Schritt ins Lokal trugen.

Als Shyla tropfnass hinterherkam, hatten die Männer die Frau bereits auf die Notfallliege in Franziskus Büro gelegt, und Monique wedelte langsam mit einem kleinen Glas unter ihrer Nase herum, um sie zu wecken. Sie hatte Erfolg, die Frau schlug die Augen auf und schaute sich sofort erschrocken um.

»Marie, hallo … erkennst du mich noch? Ich bin es, Monique, wir waren zusammen in der Schule.«

Die Frau namens Marie starrte Monique verständnislos an.

»Sie stand ganz plötzlich vor mir auf der Straße.« Shyla zitterte und schlang beide Arme um ihren Körper.

»Ich hole euch erst mal Handtücher, ihr macht ja alles nass.« Monique stand auf, schob Bobby und Franziskus aus dem Büro und verschwand in den Toilettenräumen.

Shyla setzte sich Marie gegenüber und strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht. »Du bist mir direkt vors Auto gelaufen«, sagte sie leise. »Wie geht es dir?«

»Ich glaube es geht mir gut«, antwortete Marie flüsternd. »Aber ich habe dich nicht gesehen, tut mir leid. Ich wollte hierher gehen, weil mir so kalt war und plötzlich stand dein Auto vor mir.«

Monique kam zurück, reichte den beiden jeweils ein Handtuch und stellte drei Tassen mit heißem Tee auf den kleinen Beistelltisch.

»Ich war schon eine Weile unter dem Baum gestanden und wusste nicht, wohin ich gehen sollte«, sagte Marie und sackte in sich zusammen. »Ich weiß nicht mal, warum ich dort an der Straße stand. Eigentlich weiß ich irgendwie gar nichts. Mein ganzes Leben ist wie im Nebel verschwunden.« Sie starrte in die vor ihr stehende Tasse, als könne ihr der Tee eine Antwort geben.

»Amnesie? Du liebe Güte.« Monique schüttelte den Kopf. »Pass mal auf, vielleicht kann ich da helfen. Also du bist Marie, ich kenne dich schon sehr lange. Wir sind viele Jahre in die gleiche Schulklasse gegangen.« Monique stöhnte leise. »Okay, das ist natürlich schon eine kleine Weile her und vielleicht habe ich ein ganz kleines bisschen zugenommen seit der Schulzeit. Du allerdings nicht. Du siehst noch immer ganz genauso aus, wie damals. Und hier …« Monique schob vorsichtig den Ärmel von Maries Jacke ein kleines Stück nach oben. »Ha – siehst du? Das Tattoo hier an deinem Unterarm, das hast du machen lassen, als … also während wir zusammen zur Schule gingen.«

Bobby kam mit einem Teller ins Zimmer. »Hier Mädchen, iss erst mal was, dann gehts dir besser. Shyla, möchtest du auch einen Teller gute Bobby-Suppe?«

Shyla schüttelte den Kopf. »Bei meiner Mutter gab es heute gutes und gesundes Essen«, sagte sie und verdrehte die Augen.

Monique grinste und zog Shyla zur Seite. »Die Marie kenne ich nur als Einzelgängerin. Sie kam mitten im Schuljahr zu uns, hatte die Schule aus uns damals unbekannten Gründen gewechselt. Wir fanden sie komisch, aber das hatte einen Grund. Erst viel später habe ich erfahren, dass sie eine Zwillingsschwester hatte, die starb, als Marie etwa 13 oder 14 Jahre alt war, also kurz vor ihrem Schulwechsel. Sie war gerade bei uns angekommen, als sie sich das Tattoo stechen und ihre Haare raspelkurz abschneiden ließ. Damit wurde sie für uns Teenies natürlich erst recht komisch. Gut, dass die Haare wieder gewachsen sind, es sah wirklich sehr … besonders aus. Wo sie wohnt, kann ich dir allerdings nicht sagen.«

Die beiden Frauen drehten ihre Köpfe zu Marie, die sich inzwischen aufgesetzt hatte und vorsichtig ihre Suppe löffelte.

»Wenn sie wirklich nicht weiß, wo sie wohnt und so, dann nehme ich sie mit zu mir bis morgen. Bestimmt erinnert sie sich, wenn sie aufgewärmt und ausgeschlafen ist. Allerdings dauert es noch ein paar Stündchen bis ich Feierabend machen kann. Ich würde dich ja fragen, ob du meine restliche Schicht übernimmst, aber du siehst selbst nach heißer Dusche und Bett aus.«

»Ich glaube auch, dass sie besser bald eine heiße Dusche und trockene Klamotten bekommen sollte. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es ganz schön kalt und unangenehm ist, so nass hier zu sitzen«, sagte Shyla. »Sie kann aber auch einfach bei mir übernachten, morgen sehen wir dann weiter.«

Shyla stellte für Merlin ein Schälchen auf den Boden ihrer kleinen Küche, als Marie, in ein großes, dickes Badetuch gewickelt, aus dem Badezimmer kam. Erfreut strich der Kater um Shylas Beine und widmete sich dann voll und ganz seinem Fressen.

Marie blieb vor der Tür stehen. »Danke, dass ich hier bleiben kann. Du bist sehr nett zu mir, dabei kennen wir uns gar nicht.«

»Naja, wir haben uns unter besonderen Umständen kennengelernt. Und außerdem ist Monique meine beste Freundin. Ich vertraue auf ihr Urteil.« Shyla schob Marie ins Wohnzimmer und deutete auf das rote Sofa, das unter den Fenstern stand. »Ich hole dir eine Decke, dann kannst du es dir bequem machen.«

Mit gemischten Gefühlen lief Shyla in ihr Schlafzimmer und öffnete den Schrank. Einerseits war ihr tatsächlich ein wenig mulmig bei dem Gedanken, eine völlig fremde Frau über Nacht in der Wohnung zu haben. Andererseits fühlte es sich richtig an, und sie war sogar froh, nicht alleine zu sein. Die immer stärker angespannt werdende Beziehung zu ihrer Mutter machte ihr doch deutlich mehr zu schaffen, als sie dachte. Sie fühlte sich mehr und mehr auf subtile Weise einsam und unverstanden. Shyla nahm eine dicke Wolldecke aus dem Schrank und brachte sie zu Marie, die verunsichert auf dem Sofa saß.

»Es ist wirklich alles gut«, sagte Shyla und reichte ihr die Decke. »Möchtest du etwas trinken?«

Marie schüttelte langsam den Kopf und sah sich im Zimmer um.

»Ich schlage vor, wir schlafen einfach ein bisschen. Morgen sieht die Welt bestimmt ganz anders aus.«

Marie nickte. »Ja, das ist eine gute Idee, danke dir.«

Shyla nickte, ging in ihr Schlafzimmer und zog die Tür hinter sich zu.

Ein gellender Schrei weckte sie aus traumlosem Schlaf. Ihr Blut schien augenblicklich zu gefrieren, stocksteif verharrte sie unter ihrer Bettdecke. Ein vorsichtiger Blick zur Uhr verriet, dass es halb vier in der Nacht war.

Was sollte sie jetzt tun? Sich tot stellen? Aufstehen und nachsehen? Die erste Option schien eindeutig klüger. Sie rutschte vorsichtig ein Stück tiefer unter die Decke und lauschte in die Dunkelheit. Als nach einer Weile noch immer keine weiteren Geräusche zu hören waren, schob sie ihre Beine langsam aus dem Bett, stand auf und schlich zur Tür. Behutsam öffnete sie sie ein kleines Stück und schaute hinaus.

Durch die beiden Fenster strahlte Mondlicht herein und Shyla erkannte Maries Silhouette, starr neben dem Sofa stehen. Als Merlin vom Schrank sprang, wackelte die oben stehende Vase und fiel zu Boden, wo sie klirrend in tausend Scherben zerschellte. Marie schrie auf, und Shyla schaltete schnell das Licht ein.

Marie riss den Kopf herum und starrte Shyla an, bevor sie aufatmete. »Ich hatte das Gefühl, jemand ist neben dem Sofa gestanden. Ich hatte das Gefühl, dass mich jemand anstarrt«, flüsterte sie.

»Ich hole uns erst mal ein Glas Wasser«, sagte Shyla und ging zur Küche. Sie schaltete auch dort das Licht an und blieb reglos stehen. Diesmal war sie es selbst, die aus voller Kehle schrie. …

neugierig geworden?