Die Sache mit dem Druck

Die Sache mit dem Druck

Remissionsquoten von 30-50 Prozent bei Amazon, Vernichtungskosten von bis zu 62 Millionen Euro jährlich: Was Book on Demand anders macht - und was es kostet.

Wer ein Buch bei uns bestellt, wartet ein paar Tage länger als bei Amazon. Das hat einen Grund — und der ist gewollt.

Unser Buch existiert erst, wenn du es bestellst. Kein Lager, keine Auflage auf Vorrat, kein Stapel der irgendwo auf Käufer wartet. Der Drucker bekommt den Auftrag, wenn du bestellst. Das dauert ein paar Tage mehr — und bedeutet gleichzeitig, dass kein einziges Exemplar je ungelesen vernichtet wird.

Was genau dahinter steckt:

Der traditionelle Buchhandel funktioniert nach einem Prinzip, das seit Jahrzehnten als selbstverständlich gilt: Verlage drucken Auflagen auf Vorrat, Buchhandlungen nehmen sie ins Regal und schicken nicht verkaufte Exemplare zurück. Dieses sogenannte Remissionsrecht ist im deutschen Buchhandel gesetzlich verankert. (Handelsbrauch nach § 345 HGB). Das gesamte Absatz- und Lagerrisiko trägt dabei der Verlag.

Das Remissionsproblem: Zahlen, die man kennen sollte

Die Remissionsquoten variieren je nach Handelspartner erheblich:

  • Unabhängiger Buchhandel: 10-15 Prozent
  • Großfilialisten: 25 Prozent und mehr
  • Amazon: regelmäßig 30-50 Prozent, in Einzelfällen deutlich höher (Quelle: boersenblatt.net, rossquelle.de)

Was mit diesen Rücksendungen passiert, hängt vom Zustand der Exemplare ab. Beschädigte oder aufwändig nachzubearbeitende Bücher werden makuliert - also vernichtet. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat die jährlichen Remissionskosten auf Basis einer Quote von 8,4 Prozent und einem Durchschnittspreis von 9,98 Euro auf 17 bis 62 Millionen Euro beziffert - je nach Art der Gutschrift. (Quelle: boersenblatt.net, Sortimenter-Ausschuss)

Für Kleinverlage kann das existenzbedrohend sein: Das gesamte Absatzrisiko liegt beim Verlag, während der Handel kostenfrei disponiert und remittiert.

Was Book on Demand anders macht

Book on Demand (BoD), auch Print on Demand (PoD) genannt, kehrt dieses Prinzip um: Ein Buch wird erst dann gedruckt, wenn eine Bestellung vorliegt. Kein Lager, keine Mindestauflage, kein Remissionsrisiko.

Technisch arbeiten BoD-Systeme mit Digitaldruck (Laserdruck oder Tintenstrahldruck). Die Druckdaten werden direkt vom Computer an die Druckmaschine übertragen, ohne Druckplatten wie beim Offsetverfahren. Das macht einzelne Exemplare wirtschaftlich druckbar.

Die praktischen Konsequenzen sind:

  • Das Buch bleibt dauerhaft lieferbar - »vergriffen« entfällt als Kategorie
  • Auflagenrisiko entfällt vollständig
  • Korrekturen und Überarbeitungen können jederzeit ohne Restbestandsproblem eingepflegt werden
  • Vergriffene Backlist-Titel lassen sich reaktivieren

Der Stückpreis wird teurer, aber:

Der häufigste Einwand gegen BoD ist der höhere Stückpreis im Vergleich zum Offsetdruck. Das stimmt - aber nur bei einem vereinfachten Vergleich. Offsetdruck rechnet sich ab einer Auflage von etwa 400-1.000 Exemplaren, weil die hohen Anlaufkosten (Druckplatten, Rüstzeit) auf viele Exemplare verteilt werden. Darunter ist Digitaldruck meist günstiger. (Quelle: 24bookprint.com, buchreport.de)

Wer die wahren Stückkosten einer Offsetauflage berechnen will, muss die vollständige Prozesskette einbeziehen: Lagerkosten, Remissionsbearbeitung, Transportkosten für Rücksendungen, Vernichtungskosten, Restpostenvermarktung oder Makulierung. buchreport.de weist explizit darauf hin, dass ein fairer Vergleich nur über den gesamten Titellebenszyklus möglich ist.

KDP-Beispielrechnung (Amazon, Deutschland): Ein 300-seitiges Taschenbuch in Schwarzweiß kostet bei KDP in Deutschland: 0,75 Euro Festpreis + (300 x 0,012 Euro) = ca. 4,35 Euro Druckkosten pro Exemplar. (Quelle: kdp.amazon.com/de_DE)

Bei BoD GmbH (Libri) variieren die Preise je nach Ausstattung; der Online-Kalkulator auf bod.de ermöglicht individuelle Berechnungen.

• Umweltbilanz: kein einfaches Ja oder Nein

Was BoD besser macht: Das Öko-Institut (Carl-Otto Gensch) hat berechnet: Die Herstellung von zehn Büchern mit je 200 Seiten aus Frischfaserpapier erzeugt rund 11 kg CO2, aus Recyclingpapier etwa 9 kg CO2. Etwa 65 Prozent der CO2-Emissionen der Verlagsbranche entstehen durch Papierverbrauch. (Quelle: oeko.de, bookmundo.com unter Verweis auf ISSST)

Bücher, die ungelesen vernichtet werden, haben ihren gesamten CO2-Fußabdruck ohne jeden Nutzen erzeugt. BoD eliminiert diesen Anteil strukturell.

Was BoD schlechter macht: Einzelsendungen per Paket erzeugen mehr Transportemissionen als Paletten-Lieferungen an Buchhandlungen. Das Umweltbundesamt beziffert eine durchschnittliche Online-Lieferung auf 200-400 g CO2, eine 5-km-PKW-Fahrt zum Buchhandel auf 600-1.100 g CO2. (Quelle: umweltbundesamt.de)

Die Gesamtbilanz hängt also davon ab, wie viele Exemplare einer Offsetauflage tatsächlich gelesen werden - und wie die Kunden ihre Bücher beziehen. Wer das BoD-Buch im stationären Buchhandel direkt bestellt, hat eine ähnliche Transportbilanz wie bei jeder anderen Bestellung auch.

Fazit Umweltaspekt: BoD ist dann ökologisch vorteilhaft, wenn die Alternative eine hohe Vernichtungsquote hätte. Bei sicher absatzbaren Auflagen ist der Vergleich weniger eindeutig.

Qualität: der Einwand, der nicht mehr trägt

BoD-Bücher sind qualitativ von Offsetdrucken für die meisten Buchtypen nicht zu unterscheiden. buchreport.de stellt fest, dass Verlage wie Holtzbrinck Digitaldruck bereits fest in ihre Beschaffungsstrategie für aktuelle Titel integriert haben. Einschränkungen gibt es bei: Sonderfarben, exotischen Bedruckstoffen, Drucklackierung oder Kaschierung im Innenteil sowie bei Farbdruck-Intensivität in hohen Auflagen. (Quelle: buchreport.de)

Für wen BoD sinnvoll ist - und für wen nicht

BoD ist sinnvoll bei:

  • Titeln mit unklarer Nachfrage (Erstveröffentlichungen, Nischenthemen)
  • Backlist-Titeln, die dauerhaft verfügbar bleiben sollen
  • Kleinverlagen ohne Kapital für Risikoauflagen
  • Autoren im Selbstverlag
  • Titeln, bei denen regelmäßige Überarbeitungen erwartet werden

Offsetdruck bleibt sinnvoll bei:

  • Sicher absatzbaren Auflagen über 400-1.000 Exemplaren
  • Titeln mit hohen Qualitätsanforderungen (Kunstbücher, Bildbände)
  • Verlagen mit etabliertem Vertrieb und kalkulierbarer Nachfrage
  • Situationen, in denen der stationäre Handel Lagerexemplare benötigt

Die Mischstrategie: BoD und Offsetdruck kombinieren Viele Verlage nutzen beide Verfahren situativ. Libri/BoD GmbH hat das explizit als Alternative für ausgelistete Backlist-Titel kommuniziert: Statt Remission und Vernichtung können Titel auf BoD umgestellt werden und bleiben damit dauerhaft bestellbar. (Quelle: buchmarkt.de)

Ein paar Zahlen:

CO2-Buchdruck: 11 kg Frischfaser auf 10 Bücher (Öko-Institut) Offset vs. Digital: Kipppunkt bei ca. 400-1.000 Exemplaren Remissionskosten 17-62 Mio. Euro (methodenabhängig)

CO2-Lieferung: Range 200-400 g, je nach Route und Fahrzeug. Das bedeutet: Die CO2-Menge, die bei einer durchschnittlichen Paketzustellung entsteht - also von der Verteilzentrale bis zur Haustür (»letzte Meile«). Die oben genannte Spanne 200-400 Gramm ergibt sich aus: Ein Diesellieferwagen auf einer dicht besiedelten Route mit vielen Stopps pro Kilometer ist deutlich effizienter als auf einer dünn besiedelten Landroute. Neuere Fahrzeuge (oder Elektro-Lieferwagen) verursachen weniger als ältere Diesel. Die Auslastung des Fahrzeugs spielt eine Rolle - ein fast leerer Wagen für ein einzelnes Paket ist ineffizient.

Zur Einordnung: Ein Auto erzeugt pro Liter Benzin ca. 2.400 g CO2. Eine 5-km-Fahrt zum Buchhandel liegt also bei 600-1.100 g - also 2-5x mehr als die Paketlieferung. Das ist auch der Grund, warum Online-Bestellungen in der Regel eine bessere CO2-Bilanz haben als die Fahrt mit dem eigenen Auto in die Stadt. BoD- Einzellieferungen sind also nicht automatisch schlecht, weil die Alternative (Autofahrt zum Laden) oft mehr verursacht.

Fazit

Wir haben uns beim Verlag dragons@work bewusst für Book on Demand entschieden - nicht weil es die bequemste Lösung ist, sondern weil sie zu unserem Verständnis von verantwortungsvollem Publizieren passt. Bücher zu drucken, die niemand liest, und sie anschließend zu vernichten, ist weder wirtschaftlich noch ökologisch vertretbar. BoD bedeutet: Ein Buch existiert, weil jemand es haben möchte. Nicht weil ein Algorithmus eine Auflagenhöhe kalkuliert hat.

Der höhere Stückpreis ist real. Ein Beispiel: Für einen Einzeldigitaldruck sind es 8.76 EUR und bei 500 Stück ebenfalls digital gedruckt wären es 5,66 EUR pro Buch gerechnet. Der Preis spiegelt daher die tatsächlichen Produktionskosten wider - ohne versteckte Subventionierung durch nicht verkaufte Exemplare, die irgendwo in der Kalkulation mitfinanziert werden müssen. Wer unsere Bücher kauft, zahlt einen ehrlichen Preis. Unsere Titel bleiben dauerhaft lieferbar. Kein Vergriffen, kein Restposten, keine Vernichtung. Wer in zehn Jahren ein Buch aus unserem Programm sucht, findet es. Das ist keine perfekte Lösung - aber eine, hinter der wir stehen können.

Quellen:

Stand: März 2026

Amy Silberstein

schreibt am liebsten über das, was sich nicht so leicht in Worte fassen lässt.
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